Die Entwicklung der Versuchstierkunde

Die ersten Impulse zur Entwicklung und Etablierung der Versuchstierkunde in Europa gingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Großbritannien aus. Unter dem Einfluss des 1876 verabschiedeten „Animal Cruelty Acts“ wurden nicht nur die Qualität und die Zahl der Tierversuche überwacht, sondern auch die Bemühungen intensiviert, eine Verbesserung des hygienischen und genetischen Standards zu erreichen. Während es in Großbritannien 1926 zur Gründung der University Federation of Animal Welfare und 1938 zur Gründung der gleichnamigen Vereinigung kam und damit die Bemühungen um eine Standardisierung vorangetrieben wurden, wurde in Deutschland die Haltung und Zucht der Versuchstiere zumindest in kleineren Instituten von Tierpflegern durchgeführt. Die Versuchstierkunde im eigentlichen Sinne gab es noch nicht. Die Entwicklung der Versuchstierkunde als eigenständige Wissenschaftsdisziplin begann in Deutschland in den 1950er Jahren. Vor der Gründung der Gesellschaft für Versuchstierkunde haben in der Bundesrepublik drei Interessengruppen existiert: 

a) der Arbeitskreis für Versuchstierfragen an den Dahlemer Instituten der Freien Universität Berlin seit 1956,

b) der Arbeitsausschuss für Versuchstierfragen am Zentralinstitut für Versuchstierzucht in Hannover seit 1958, und 

c) der Arbeitskreis für Versuchstierkunde seit Sommer 1963. Dieser Arbeitskreis ist als direkter Vorläufer der Gesellschaft für Versuchstierkunde anzusehen. 

In der DDR wurde die Gründung einer Arbeitsgruppe für Versuchstierkunde bis 1969 hinausgezögert, da zunächst die Hoffnung bestand, in die westdeutsche Gesellschaft für Versuchstierkunde eintreten zu können. Dies ließen die politischen Verhältnisse jedoch nicht zu. 

Die Gesellschaft für Versuchstierkunde war die erste europäische Vereinigung für Versuchstierkunde. Die Gründungsversammlung der Gesellschaft, an der 73 Personen teilnahmen, trat am 30. April 1964 in Wiesbaden zusammen. Nachdem man sich hier nicht auf einen Entwurf einer Satzung einigen konnte, wurde ein Satzungsausschuss eingesetzt. Er bestand aus sieben Personen unter Vorsitz von Dr. Werner Wilk, Biberach. Dieser Ausschuss erarbeitete die revidierte Fassung der Satzung, die auf der 2. Tagung am 20. Oktober 1964 von der Mitgliederversammlung in Hannover verabschiedet wurde. Im Anschluss wurde der erste Vorstand gewählt: 

  • Vorsitzender Prof. Dr. Dr. K. Drepper, Berlin-Dahlem 
  • 1. stellvertretender Vorsitzender Dr. R. Loosli, Füllinsdorf, Schweiz 
  • 2. stellvertretender Vorsitzender Dr. U. Haakh, Tübingen 
  • Schatzmeister Dr. W. Schumacher, Frankfurt am Main Schriftführer Dr. W. Jöchle, Brunnthal 2

Um die Arbeitsfähigkeit der Gesellschaft herzustellen, wurden vier Arbeitsausschüsse eingerichtet: 

  1. Arbeitsausschuss für die Wahl des Tiermaterials, Leiter: Prof. G.H.M. Gottschewski, Max-Planck-Institut für Tierzucht und Tierernährung, Mariensee 
  2. Arbeitsausschuss für die Methodik der SPF-Tierhaltung, Leiter: Prof. G. Wellmann, Bundesgesundheitsamt, Max-von-Pettenkofer-Institut, Berlin-Dahlem 
  3. Arbeitsausschuss für Fütterung und Ernährung, Leiter: Prof. Dr. Dr. H. Drepper, Universität München 
  4. Arbeitsausschuss für Standardisierung von Methoden der Versuchstierhaltung, Leiter: Dr. Wilk, Fa. Dr. Karl Thomae, Biberach. 

Als Organ für Bekanntmachungen der Gesellschaft wurde die im VEB Gustav Fischer Verlag erscheinende „Zeitschrift für Versuchstierkunde“ vorgeschlagen. Mit der Aufnahme diesbezüglicher Verhandlungen wurde Dr. Spiegel, Hannover, beauftragt. Bei dieser Zeitschrift handelte es sich um die erste versuchstierkundliche Zeitschrift im internationalen Buchhandel überhaupt. Der 1. Band erschien 1961. Herausgeber waren P. Cohrs, H. Heinecke und A. Spiegel. Sie wiesen in ihrem Geleitwort auf die steigende Bedeutung der Versuchstierkunde hin und sahen die Aufgabe der Zeitschrift in der Sammlung einschlägiger Publikationen, da diese bisher sehr verstreut in verschiedenen Zeitschriften, Kongressberichten oder Mitteilungen von Institutionen erschienen waren. Unter dem Titel „Zeitschrift für Versuchstierkunde“ erschien das Journal bis 1990, Band 33. Nachfolgewerk wurde die Zeitschrift „Journal of Experimental Animal Science“, deren Band 34 im Januar 1991 erschien. 

1976 nahm die Gesellschaft für Versuchstierkunde Verhandlungen mit der englischen Fachzeitschrift „Laboratory Animals“ auf, die seit April 1967 als offizielles Organ der Laboratory Animal Science Association (LASA) herausgegeben wurde. Seit 1979 ist diese Zeitschrift das offizielle Organ der GV-SOLAS. 

Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit* 

Sehr früh wurde von England ausgehend eine internationale Zusammenarbeit bei der Arbeit mit Versuchstieren angestrebt, was 1956 zur Gründung von ICLA (International Committee for Laboratory Animals) führte (1979 in ICLAS – International Council for Laboratory Animal Science – umbenannt). 1969 wurde die GV als Scientific Member in ICLAS aufgenommen. 

Im Zuge der Vereinigung der europäischen Gesellschaften für Versuchstierkunde zur FELASA (Federation of European Laboratory Animal Science Associations; Gründung 1979 in Utrecht) beschloss die GV den englischen Namenszusatz SOLAS (Society for Laboratory Animal Science). Gemeinsame Tagungen der GV-SOLAS mit der FELASA finden seit 1981 im Dreijahresrhythmus statt. (mod. nach “Entwicklung der Versuchstierkunde in Deutschland“ Diss. Andreas Seide, TiHo Hannover 1996, mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. H. Hackbarth; 

Von der GV-SOLAS durchgeführte oder mit veranstaltete Tagungen/Kongresse/Fortbildungen 

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Vorstände der Gesellschaft für Versuchstierkunde seit 1964 

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* mod. nach Wolf H. Weihe, 1989, 27. Tagungsband, Hannover, „25 Jahre GV“)