Tierschutz

Tierschutz in der tierexperimentellen Forschung

Im Jahr 1875 sagte Sir George Duckett von der «Gesellschaft zur Abschaffung der Vivisektion«: "Die medizinische Wissenschaft hat ihren höchsten Stand erreicht und es gibt nichts mehr dazu zu lernen. Nichts kann durch Tierversuche erreicht bzw. dazu gewonnen werden". Ein Stop tierexperimenteller Forschung damals hätte zur Folge gehabt, dass heute beispielsweise weder Mensch noch Haus-/Nutztier gegen Tollwut geimpft werden könnten, dass Diphtherie und Kinderlähmung grassieren würden, Organtransplantation und Antibiotika nicht verfügbar wären usw. Auf Tierversuche kann auch heute nicht verzichtet werden, da 2/3 aller heute bestehenden Krankheiten wie Arthrose und Arteriosklerose, Aids und Alzheimer, Krebs und Kolitis, schwere chronische Schmerzen u. v. a. m. nach wie vor therapeutisch noch nicht befriedigend behandelt oder geheilt werden können. Valide (übertragbare) und präzise (reproduzierbare) Ergebnisse aus der tierexperimentellen Forschung können nur mit definierten und gesunden Versuchstieren erhalten werden. Um dies zu gewährleisten, müssen die Tiere wesentliche artspezifische Bedürfnisse befriedigen können und in einer entsprechenden Umwelt gehalten werden. Die Mitglieder der Gesellschaft für Versuchstierkunde haben in der Vergangenheit entscheidend zur Verbesserung der Haltungs- und Versuchsbedingungen beigetragen. Das hohe Niveau der Hygiene, die optimale Ernährung, die Standardisierung des Genoms sowie moderne Haltungstechnologien gewährleisten, dass Forschungsprojekte mit einer geringst möglichen Anzahl von Tieren unter größtmöglicher Berücksichtigung des Tierschutzes durchgeführt werden. Die gute Reproduktion und Entwicklung des Versuchstiers, eine hohe Lebenserwartung sowie das Fehlen von Körperschäden sind wichtige Kriterien einer sachgerechten und tierschutzkonformen Versuchstierhaltung. Neue, aber auch bewährte Erkenntnisse der Verhaltensforschung werden bei der Konzeption von Versuchstierhaltungen berücksichtigt.

Bereiche, in denen Verbesserungen der Versuchstierhaltung möglich erscheinen, sind nachfolgend aufgeführt:

In folgenden Bereichen erscheinen derzeit Verbesserungen der Versuchstierhaltung möglich:

1. Bewegungsmöglichkeiten

Wie bei den meisten Nutz- und Haustierhaltungen ist die Bewegungsfreiheit auch der Versuchstiere durch die Abmessung der Haltungseinheit (Käfig, Box, Weide) begrenzt. Nach heutigem verhaltensphysiologischem Kenntnisstand erfüllen die neuen europäischen Normen die wesentlichen Anforderungen zur Bedarfsdeckung des artspezifischen Bewegungsbedürfnisses der einzelnen Tierarten.

2. Gruppenbildung

Das Gemeinschaftsbedürfnis variiert sehr stark zwischen einzelnen Spezies und ist bei einigen zudem geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Bei sozial lebenden Tieren entspricht erst die Haltung in Gruppen dem Bedürfnis dieser Art und ermöglicht Normalverhalten: Einzelhaltung (soziale Deprivation) kann für solche Tiere ein Stressor sein und ist damit zu vermeiden. Da sich bei einigen Tierarten stabile Hierarchien ausbilden, sollten die Gruppen möglichst stabil bestehen bleiben.

3. Angereicherte Umwelt

Eine strukturierte Käfigeinrichtung sowie Wahl- und Beschäftigungsmöglichkeiten können zur Bereicherung der Umwelt bestimmter Tierarten geeignet sein. Mittlerweile sind einige geeignete und bewährte Systeme im Handel.Bei der Beurteilung der Eignung einzelner Komponenten ergibt sich zum einen die Schwierigkeit, dass es bis heute kaum wissenschaftlich unumstrittene Beurteilungskriterien gibt. Zum anderen treten auch innerhalb einer Spezies erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Stämmen bzw. Linien auf. Insbesondere auch angesichts der stark zunehmenden Anzahl transgener Nagerlinien müssen die Auswirkungen genombedingter Verhaltensunterschiede auf Komponenten, die der Anreicherung der Umwelt dienen, berücksichtigt werden. Daher sind Empfehlungen zu Änderungen von Haltungsbedingungen hinsichtlich ihrer Auswirkung auf Tier, Versuch und Betrieb sorgfältig zu überprüfen, bevor sie umgesetzt werden.